Pascal Piller
«Bagatellen 2008»
4. November – 20. Dezember 2008
Die Eröffnungsausstellung von Hilfikerfoto präsentiert zwei Werkgruppen von Pascal Piller (*1983 in Fribourg, lebt und arbeitet in Giffers/FR), Absolvent der Hochschule Design & Kunst Luzern. Gemeinsam ist sämtlichen Arbeiten des jungen Künstlers die Aufmerksamkeit für das scheinbar Unbedeutend-Wertlose, aber auch für das Unbeständig-Flüchtige, Ereignishafte, und das Prozessuale. Pascal Pillers Arbeitsweise ist wesentlich performativ und ähnelt derjenigen eines Forschers: Seine Werke sollen nicht primär als Kunstobjekte überdauern; vielmehr untersucht er, stets auf ein ausgefeiltes Konzept aufbauend, oft banale, alltägliche Gegenstände auf ihre nichtfunktionalen, ästhetischen Qualitäten hin. Die Frage, die ihn dabei umtreibt, ist jene nach den in den Dingen schlummernden Eigenschaften. Letztere vermögen sich nicht zu zeigen, solange ein Gegenstand als einfach zuhandener wahrgenommen wird, also lediglich einem bestimmten Zweck zu dienen hat. In Pascal Pillers temporär eingerichtetem Atelier in der Turbine Giswil jedoch entwickelt sich zwischen dem Künstler und seinen «objets trouvés» eine Art Dialog, bei dem die Dinge mal mehr und mal weniger preisgeben. Was dem Betrachter vorgeführt wird – seien es Videoprojektionen oder Fotografien – ist jeweils, als Beweismaterial, die quasidokumentarische, aber immer eine eigene faszinierende Bildpoesie entfaltende Aufzeichnung dieser Objekt-Befragungen.
Anlässlich eines viermonatigen Austauschsemesters an der Ecole des Beaux Arts in Genf sind die Souvenirs (2007) entstanden. Pascal Piller transportierte 40 verschiedene Gebrauchsgegenstände, die er zuvor im Rahmen der Arbeit Living Room verschiedentlich miteinander kombiniert zu momentanen Skulpturen zusammengefügt hatte, in einem alten Koffer von Luzern nach Genf. Dort suchte er – weniger gezielt, sondern eher spielerisch und vom Zufall geleitet – nach entweder in Form, Farbe oder Funktion entsprechenden Objekten. Diese tauschte er dann mit den mitgebrachten Gegenständen aus und liess letztere ihrerseits am Genfer Fundort zurück. Die Fotoserie Souvenirs ist somit gewissermassen die Dokumentation einer Langzeitperformance, für die der Künstler das Wort «Austausch», das sein Gastsemester bezeichnet, in seinem Werk sinngemäss umsetzt. Der dokumentarische Charakter der Arbeit zeigt sich nicht zuletzt am unter den Fotopaaren angebrachten schriftlichen Vermerk, der in französischer Sprache über den jeweiligen Austauschort der Gegenstände aufklärt.
Auch in den Kurzvideos Bagatellen 2008 spielen scheinbar unbrauchbare Abfälle und Alltagsgegenstände die Hauptrolle. Der Künstler, der hier als Performer ganz eigentlich «die Hand im Spiel» hat, platziert im öffentlichen Raum aufgefundene, von anderen Menschen weggeworfene Plastiksäcke, Gummibänder und ähnliche Objekte gleichsam dynamisiert vor der fix ausgerichteten Kamera. Nun zeigt sich, dass auch diesen vermeintlich unerheblichen, da nutzlos gewordenen Dingen beträchtliches Potential innewohnt: Die «toten» Gegenstände, ihrer ursprünglichen Funktion enthoben, entfalten in den kurzen Auftritten eine je ganz eigenartige organisch-lebendig scheinende Kraft, mit welcher der Künstler sie zuvor aufgeladen hat. Vor einen meist nüchternen Hintergrund positioniert und akustisch unterstützt vom monotonen Geräusch der alten Turbine, verändern sich die Dinge ständig. Mal tun sie dies auf eher vorhersehbare, mal auf sehr überraschende Weise, gerade so, als seien sie plötzlich rasch wachsende Blumen und Blätterranken oder winzige wurmartige Tierchen – und just in dem Moment, in welchem die Gegenstände, wieder regungslos, zum starren Bildmotiv werden und die Betrachter sich in dieses Bild versenken könnten, endet die Filmsequenz. Pascal Piller realisiert mit Bagatellen 2008 seine eigene Version des seit jeher grössten Künstlertraums: Er haucht, als eine Art Pygmalion des 21. Jahrhunderts, der toten Materie – den banalen Gegenständen, dem Abfall gar – Leben ein. Allerdings sind den Objekten bloss einige wenige Sekunden oder Minuten Beseeltheit vergönnt: Sie werden, so verraten es die Zwischentitel der Videoprojektion, nach dem kurzen Auftritt wieder an ihren Fundort zurückgelegt.
Isabel Fluri