Miriam Sturzenegger
«Die Grundrisse des Denkens liegen tiefer»
7. September – 14. Oktober 2011
Für ihr subtiles Ensemble aus Zeichnung und räumlicher Komposition aus weiss getünchten Holztafeln im Rahmen der Jahresausstellung «Zentralschweizer Kunstszenen» im Kunstmuseum Luzern hat Miriam Sturzenegger den dritten Hilfiker Kunstpreis verliehen bekommen. Nun zeigt sie neue Arbeiten, in welchen sich das Korrespondieren von verschiedenen Medien und Materialien, das für ihr Schaffen kennzeichnend ist, wiederum vorzüglich beobachten lässt.
Die für die Ausstellungsräume von Hilfiker Kunstprojekte grösstenteils neu geschaffenen Werke zeugen vom starken Interesse der Künstlerin an Erosionen von Material, an Körper und Raum im weitesten Sinne. Im langen Ausstellungsraum 1 erhellen Lichtquellen aus Kistchen zwar nur spärlich den Saal – dafür umso suggestiver und deutlicher die zwischen Glasscheiben fixierten «Präparate» in Form von Papierstücken. Bei diesen handelt es sich um «marginale» (Zitat M.S.) Blätter, die im Atelier der Künstlerin bereits verschiedenste Transformationen über Monate oder Jahre hinweg durchlaufen, oder besser: auf denen sich im Laufe der Zeit mannigfaltige Stoffe abgelagert haben. «Vortex» (Strömungs-Wirbel), «Grundrisse» und «Ablager» sind diese Versuchsanordnungen betitelt, deren Bildflächen unter herkömmlichen (Licht-)Verhältnissen unscheinbar blieben würden, die sich aber, so ungewöhnlich illuminiert, als faszinierende kleine Landschaften voller Spuren und einander überlagernder Strukturen präsentieren. Es macht den Anschein, als wären hier Papier wie auch weitere Arbeitsmaterialien in einem eigentlichen Sinne zu prüfen, um in tiefer gelegene Schichten vorzudringen, wo sich dann beispielsweise malerische Qualitäten oder besondere stoffliche Eigenschaften des Papiers offenbaren.
Miriam Sturzeneggers Vorgehen darf daher ein experimentelles, forscherisches genannt werden, wiewohl ihre Werke trotz der in ihnen vorherrschenden Nicht-Farbe Weiss kaum etwas von kühl-abweisender Laboratmosphäre vermitteln, sondern mit durchaus ansprechenden sinnlichen Reizen zum Entdecken und Ergründen einladen. Letzteres zeigen namentlich auch die Arbeiten der Serie «Täglich umgraben», Zeichnungen auf hochformatigem Papier in feinen kistenartigen Rahmen. Schon im Titel wird hier sehr handfest auf eine Um-Ordnung und Bewegung in Raum und Zeit hingewiesen, und tatsächlich mag man in den zu Papier gebrachten Strukturen – weich gebogen oder gerade gezogenen Linien in dichteren oder loseren Konstellationen – andeutungsweise solcherlei Vorgänge erkennen. Auch wird in diesen paar- oder gruppenweise ausgestellten Werken die Körperhaftigkeit des feinen Zeichenpapiers deutlich, das sich montiert in den Kästchen mal mehr und mal weniger wellt und das Licht so unterschiedlich reflektiert.
Schon in den Arbeiten aus der Serie «Täglich umgraben» zeichnet sich also ab, wie sehr das Werk von Miriam Sturzenegger äusseren Bedingungen unterworfen ist, das heisst wie sehr es unmittelbar zur umgebenden Architektur und zu den darin herrschenden Lichtverhältnissen in Beziehung steht und sich mit ihnen verändert. Deutlicher noch ist dies zu erkennen in «Reminiszenz», der Holzplastik, die als eine Art sich in den Raum ausbreitende Zeichnung geradewegs aus der Wand heraus zu wachsen scheint. Am eindrücklichsten zeigt sich die genuine Raumbezogenheit allerdings in «Die Rückseite des Mondes von der Erde aus», der installativen Arbeit im Ausstellungsraum 3. Zwei gemessen an den Verhältnissen monumentale Holztafeln sind einerseits skulpturale Werke oder Elemente eines wahrhaft vielfältigen plastischen Gebildes. Dann aber sind sie auch architektonische Körper, die diversen Zeichnungen oder Bild-Objekten als Grund(-lage), und Bezugrahmen dienen. Ihr Status bleibt demnach ambivalent. Je nach Distanz, die man zu diesem Gebilde einnimmt, tritt der eine oder der andere Aspekt hervor, so dass sich auch die Hierarchien zwischen den einzelnen Elementen ständig neu und wieder anders etablieren und auflösen. Diverse Spuren und Schattierungen auf den grossen Holztafeln erzeugen eine enge Verbindung mit den auf ihnen sich verortenden kleinen Zeichnungen und Objekten – die Korrespondenzen zwischen den so unterschiedlichen Materialien, zwischen mehr zufälligen Arbeits- und Alterungsspuren und von der Künstlerin bewusst gesetztem Zeichenstrich, sind hier augenfällig. Das Einbetten von Zeichnungen in einen bewusst gewählten Kontext ist ein Prozedere, das sich in Miriam Sturzeneggers Schaffen allenthalben findet. Dabei handelt es sich stets um Versuche, je nach dem sehr unterschiedliche und zu verschiedenen Zeiten entstandene Elemente miteinander zu verknüpfen, in einer Art räumlichen Auslegeordnung zu gruppieren und dabei Konstellationen zu erzeugen, die – so subtil sie auch arrangiert sind und so zart ihre Erscheinung auch ist – eine grosse sinnliche Energie vermitteln.
Als weiteres Beispiel dafür, dass «weniger oft mehr ist», kann auch die Arbeit «Verfolgung in vier Teilen» (Koje) gelten, ein zeichnerisch-skulpturales Bodenstück. Es scheint, als würde sich ein und dieselbe Struktur auf jeder der kleinformatigen Zeichnungen (die nebst Bleistiftstrichen applizierte Haare enthalten) wieder in anderem Zustand präsentieren – markiert doch das weissgetünchte Brett eine «Leserichtung» von rechts nach links; diese ist freilich durch die Platzierung des Objekts auf dem Boden mitten im Raum auch wieder zur Disposition gestellt. Auch das, was bereits im Titel der Ausstellung, «Die Grundrisse des Denkens liegen tiefer», anklingt, nämlich die zentrale Bedeutung sowohl der – physischen, an Geologisches gemahnenden – Schichtungen und Schichten als auch einer – geistigen oder gefühlsmässigen – «Durchdringung» wird in diesem Werk in eindrücklicher Weise eingelöst.
Isabel Fluri