Karim Noureldin – «MISR»

 

27. Januar – 14. März 2009

 
 

 
 

Ein Gespräch mit Karim Noureldin über seine Arbeit «MISR» bei Hilfikerfoto

 

Isabel Fluri: Deine Ausstellung bei Hilfikerfoto ist insofern aussergewöhnlich, als Du zum ersten Mal ­Fotografie mit Wandmalerei kombinierst, oder vielmehr konfrontierst - ja, überhaupt zum ersten Mal ­Foto­grafien ausstellst.

Karim Noureldin: Jedes Projekt ist auf seine Art aussergewöhnlich ... Hier ist die Wandmalerei in erster Linie ein Versuch, den Raum mit Bildelementen, in diesem Fall mit Fotografien, zu verbinden. Deshalb ist die Malerei, die ich für diesen Raum entwickelt habe, strenger und funktionaler als bei anderen Projekten von mir, in denen ausschliesslich Wandmalerei zu sehen ist.


IF: Kannst Du kurz schildern, wie - in welchem Kontext, wo, zu welchem «Zweck» - die Fotografien entstanden sind?

KN: Wie bei anderen fotografischen Projekten von mir entstanden diese Aufnahmen unterwegs, sozusagen als Bildrecherchen. «MISR» entstand während einem zweimonatigen «artist in residence»-Aufenthalt in Kairo.


IF: Wo situierst Du die Fotografie in Deinem Werk? Hat die Wahl dieses Mediums mit einem neuen Interessensschwerpunkt zu tun, oder versuchst Du eher, mittels des fotografischen Bildes Antworten auf «alte» ­Fragen zu finden, nämlich zu neuen Erkenntnissen über dasjenige zu gelangen, was Dich schon bisher ­beschäftigt hat? Ist es in dem Sinne schlicht eine Ausweitung der Ausdrucksweisen für das immergleiche Anliegen? Ich spiele hier an - unter anderem - auf die Unmittelbarkeit der Zeichnung, in ihrer Skizzen­haftigkeit und Dynamik, der die «flüchtige», zufällige Ästhetik der fotografischen Bilder, die das scheinbar ­Unspektakuläre festhalten, in gewisser Weise zu entsprechen scheint.

KN: Ja, es trifft zu, dass es sich um immerwiederkehrende Fragestellungen handelt. Die eigentlich ­­foto­grafische Qualität der Aufnahme ist für mich daher nicht so relevant. Es geht vielmehr ums Festhalten oder ­Archivieren von räumlichen Konstellationen. In «MISR» gab es bestimmte Prinzipien, an die ich mich gehalten habe. Dies hat es mir dann erlaubt, die Aufnahmen zum Teil sehr rasch zu realisieren, wenn ich die entsprechende Situation vorgefunden habe. Gewisse Orte habe ich jedoch mehrmals aufgesucht, bis ich ideale Bedingungen angetroffen habe. Andere Aufnahmen machte ich fast beiläufig, im Vorbeigehen. Aber wie zufällig und flüchtig die ­Bilder auch scheinen mögen, so sind sie doch sehr präzis in ihrer Kompo­sition. Für mich sind es eine Art «leere» Bilder: Sie thematisieren ja immer auch die Abwesenheit von anderen ­urbanen Elementen.


IF: Du hast einmal die Nähe der Zeichnung zum Skulpturalen, also zum Räumlichen, angesprochen. Wie verhält sich für Dich der virtuelle, imaginäre oder potentielle Raum der Zeichnung zum realen städtischen Raum in den Fotografien?

KN: Bei «MISR» interessieren mich die Bezüge von Wand zu Boden sowie der Raum im Allgemeinen. Obwohl die Fotografien ja nicht Kunstwerke im traditionellen Sinn wiedergeben, bilden auch in diesen Aufnahmen die ­dokumentierten Orte eine abstrakte Realität innerhalb eines räumlichen Kontexts. Und insofern sind sie ­ähnlich gelagert wie die Zeichnungen, wo ein imaginärer, abstrakter Denkraum sich dem Betrachter in einem realen Raum präsentiert.


IF: Nun haben die geometrischen Formen der Jalousienmalereien aber doch zum Teil auch geradezu ­ver­blüffende Ähnlichkeit mit gewissen Elementen Deiner eigenen Zeichnungen und Wandmalereien. Warst Du überrascht, als Du realisiertest, dass in Kairo «Dein» Vokabular in unzähligen Varianten zu finden ist?
KN: Ich habe in den fotografierten Objekten nicht unmittelbar einen Bezug zu meinen künstlerischen Arbeiten entdeckt, da ich im Rahmen einer eher unspezifischen persönlichen Bildrecherche auf die Objekte gestossen bin. Doch bin ich durch meine aktuelle Arbeit wohl für gewisse Bildphänomene sensibilisiert. Diese könnte ich aber womöglich genauso gut an einem anderen Ort finden.


IF: Du hast für die Ausstellung von den Aufnahmen des Buches eine Auswahl getroffen. Was verändert sich für Dich in dieser neuen Präsentationsform des Zeigens einer Reihe von Fotos, die im Wesentlichen nun doch auch wieder als Einzelbilder figurieren?

KN: Ich sehe es als ein Spiel von Möglichkeiten: Die Publikation ist eine Weise, die Bilder in eine Struktur ­einzubinden, sie in eine gewisse Ordnung zu bringen. Die Ausstellung eröffnet mit dieser strengeren Auswahl der Bilder eine weitere Dimension. Es gibt für mich nie eine endgültige Präsentationsform. Jede ist wieder eine Lösung innerhalb eines bestimmten Zeit- und Raum-Parameters, ein Spiel mit Variationen, wie es auch die ­Fotografien in «MISR» abbilden.

 

Interview: Isabel Fluri

 
 


 
 

Pressestimmen:

 

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