Anja Ganster

ANSWER SONG (Konstellation 8)

19. April bis 26. Mai 2018

 

Donnerstag, 10. Mai 2018 (Auffahrt) geschlossen

 

 

Die Künstlerin zeigt unter dem Titel ANSWER SONG (Konstellation 8) Malerei, Aquarelle und Gouachen bei Hilfiker und druckgrafische Werke in der Mini-Galerie von GabrielaW.


Ein Answer Song ist ein Begriff, der eine Kommunikationsform beschreibt, die häufig zwischen indigenen Gruppen benutzt wird – Völkern, die keine geschriebene Sprache besitzen. Mittels Lieder werden Geschichten beziehungsweise die Geschichte der Gruppe weitergegeben und bewahrt. Der Begriff wird auch in der Musikwelt benutzt: Answer Songs sind Kompositionen als Reaktion auf Musikstücken einer anderen Musikerin oder eines anderen Musikers.



In der Ausstellung bei Hilfiker Kunstprojekte zeigt Anja Ganster aktuelle Gemälde und Papierarbeiten aus den letzten zwei Jahren. Sie greift Motive aus früheren Bildern auf und entwickelt sie weiter. Wie auch in früheren «Konstellationen» – zuletzt in ihrer Ausstellung «Gezeitenreibung (Konstellation 6)» im Museum Franz Gertsch in Burgdorf – setzt sie unterschiedliche Bildwelten, Themen und Medien in Beziehung zueinander, die trotz des fehlenden Zusammenhangs erzählerisch wirken, aber für jeden Betrachter eine andere Geschichte bereithalten.

So gibt es eine Gruppe von Papierarbeiten, die ausgehend von einem Buch («The Maori as he was») aufgeklappte Buchseiten oder die Front des Buches zeigt. Bevor sie die Objekte malt collagiert die Künstlerin Bilder hinein, als hätte sie jemand vor langer Zeit zur Aufbewahrung in das Buch gelegt. Ganster verschränkt verschiedene Bildwelten und Inhaltsebenen und beginnt ihre eigenen «Answer Songs» – Antworten auf ihren Prozess, Antworten auf ihre Assoziationen, usw. und schafft darüberhinaus den Betrachtern die Möglichkeit weitere «Songs» in den Bildern zu erinnern, spüren oder Geschichten zu assoziieren. Es ist zwar die Darstellung einer (vermeintlich) realen Situation, aber zugleich nicht klar, inwieweit diese Bilder in Zusammenhang stehen.

Auch der Bezug zur Sprache und zur Erzählung interessiert die Künstlerin. Auf einem schmalen Buchcover sieht man das Bild zweier Frauen, die in den Himmel schauen. Im Hintergrund sind Bäume. Ein Wort «THE» des Buchtitels lugt unter dem Bild hervor. Unten ein Fuss. Unter dem Bild eine Notation oder ähnliches.... In der Tat: es handelt sich um die Notation von Vogelgezwitscher, die Ganster in dem Buch «The  Maori as he was» gefunden hat. Ein Buch über ein Volk, dass keine geschriebene Sprache hat – mit Aufzeichnungen, die Vogelgezwitscher in unserer Schrift notieren. Fast schon kurios aber auch wunderbar.



Dann gibt es das Motiv des Wunders oder Rätselns ... und des Schauens. Eine Gruppe von Menschen (Kinder und Erwachsene) blicken in den Himmel. Gruppen von Menschen schauen in das weisse Blatt. Diese Abwesenheit provoziert «Answer songs». Der Mensch will einen Sinn herstellen. Die Frage ist: Inwieweit sind während des Sehens die Leerstellen an der Produktion der Bilder in unserer Vorstellung grundsätzlich beteiligt?
 
In diesem ganzen Prozess sind seit Jahresbeginn mehrere neue Gemälde entstanden. Das grossformatige Werk «The ark» zeigt entgegen Gansters sonstiger Bilder wieder einmal Menschen – Kinder, die völlig Gedanken verloren unter einer aus Ästen zusammengesteckten «Hütte» spielen. Ein gefundenes Foto in einem Brockenhaus. Aus einer anderen Zeit. Das Dargestellte ist jedem vertraut: Die Gedankenverlorenheit, dieser Zustand, der so wichtig ist für ein kreatives Schaffen. Momente in denen Zeit und Ort keine Rolle spielt. Und so schlägt sie auch wieder eine Brücke zu den Maori: Die jungen Maoris kommunizieren viel im Spiel. Der «Answer song» gehört auch dazu.



In der druckgrafischen Serie Answer Song überträgt Anja Ganster Motive von Aquarellen und Gemälden in den Druck und umgekehrt – Kinder im Wald, Bücher, Wurzeln, zwei Figuren vor einem gigantischen Kaktus. In einem experimentellen, originalgrafischen Verfahren wurden 6 Gemälde direkt auf die Offsetplatte belichtet und dann in mehreren Farbwechseln und teils im Irisdruckverfahren gedruckt – eine Technik, mit der Ganster im Rahmen einer musealen Jahresgabe experimentiert hat. Dabei entstanden poetische Grafiken, von denen die meisten Originale sind, da die Farbgebung während des Druckvorgangs immer wieder verändert wurde. Man spürt, dass es der Künstlerin Freude gemacht hat, das Licht aus den Motiven zu kitzeln. Die Bilder leuchten, obwohl sie zu verblassen scheinen ... wie ein metallischer Schimmer oder ein Nachbild unserer Erinnerung

 

 
 

Veranstaltungshinweis

Am Samstag, 5. Mai 2018 von 15:00 – 16:00 findet ein Gespräch zwischen Heinz Stahlhut (Sammlungskonservator am Kunstmuseum Luzern) und Anja Ganster bei Hilfiker Kunstprojekte an der Museggstrasse 6 statt. Anschliessend treffen wir uns zu einem Apéro in der Mini-Galerie von GabrielaW. an der Alpenstrasse1 / Seite Töpferstrasse.

 

 

 

Aus einem Mailwechsel zwischen Dr. Heinz Stahlhut (Sammlungskonservator am Kunstmuseum Luzern) und Anja Ganster im April 2018.

 

Heinz Stahlhut: Deine Malerei und Druckgrafik ist geprägt von einer leuchtenden Farbigkeit; dennoch wirken diese dadurch, dass Du das Acryl sehr dünn aufträgst, wie ausgeblichen oder in einer überblendeten Fotografie. Warum ist das so?

Anja Ganster: Lieber Heinz, diese Frage gleich zu Beginn finde ich sehr spannend. Dass etwas gleichzeitig leuchtend und ausgeblichen ist, scheint sich ja eigentlich zu widersprechen. Aber Du hast recht. Dieser Widerspruch zeigt die Ambivalenz des Sehens und Wahrnehmens allgemein und der Wahrnehmung unserer Realität im Besonderen auf – Etwas, das mich in meiner Kunst sehr interessiert und das ich mittels der Schichtung von Farben ausdrücken kann.

 

Daran schliesst gleich eine weitere Frage an: Der optischen Irritation durch die aussergewöhnliche Farbigkeit entspricht die Verstörung auf motivischer Ebene. Du stellst oft Situationen dar, die beispielsweise durch Fragmentierung unerklärlich, ja unheimlich wirken; in anderen Darstellungen ist der Sehvorgang behindert durch ein im Vordergrund aufgehängtes Tuch oder durch die den Betrachter blendenden Scheinwerfer eines Autos. Warum gibst Du dem Betrachter etwas zu sehen und entziehst es gleich wieder?

Ausgehend von Fotografien schaffe ich Bilder, die in vieler Hinsicht «erkennbar» sind: Ein Raum, eine Strasse, ein Vorhang, ein Buch ... Dennoch gibt es die von Dir angesprochene Irritationen oder eine malerische Verfremdung, die auf Dinge verweisen, die über das Erkennbare hinausgehen. Jeder Betrachter ist aufgefordert, das Bild selbst zu vervollständigen und seine eigene Geschichte zu sehen. Vielleicht ist es auch nur eine Stimmung oder ein Gefühl, das wachgerufen wird, oder eine Erinnerung. So können aus dem gleichen Bild in der Betrachtung viele verschiedene Kunstwerke entstehen. 

 

In Deinem Schaffen sind unbelebte Innenräume zahlreich zu finden. Was fasziniert Dich daran?

Das Erleben von Raum und vor allem der Wechsel zwischen Innen und Aussen gehört zu den existentiellsten Erfahrungen für den Menschen. Ohne Innen würden wir das Aussen nicht verstehen, ohne den begrenzten Raum nicht die Unendlichkeit. So sieht man in vielen meiner Interieurs auch ein Fenster, oder man blickt durch ein Fenster in das Interieur. Gleichzeitig ist das Erleben von Zeit daran gebunden, dass wir uns im Raum bewegen. Mit der Bewegung erfahren wir, das Zeit vergeht. Wir können uns vielleicht nicht real in dem von mir gemalten Raum bewegen – visuell und in unserer Vorstellung ist es dennoch möglich.

 

In der sich nun schon fast zur Serie angewachsenen Bilderfolge The Maori as he was spielt offenbar ein Buch eine grosse Rolle? Warum kann ein Buch, das ja über ganz andere Elemente Inhalte vermittelt als die bildende Kunst als Motiv für Dich interessant sein?

Diese Serie berührt sehr vielschichtige Themen. Bücher sind Objekte aus Papier und Druckfarbe, und gleichzeitig beinhalten sie Welten in die man eintauchen kann – seien sie literarisch, geschichtlich, wissenschaftlich, usw. Ein aufgeschlagenes Buch ist ein Speicher und voller Potential, eine Entdeckungen zu machen und wenn beim Aufschlagen ein Foto zum Vorschein kommt, hat dies etwas unglaublich anrührendes. Es repräsentiert die Geschichte einer Person, ein Moment in deren Leben.

 

Darüberhinaus repräsentiert die Serie der Bücher eine Auseinandersetzung, die zentral für meine letzten Ausstellungen war. In den «Konstellationen» setze ich unterschiedliche Bildwelten, Themen und Medien in Beziehung zueinander, die trotz des fehlenden Zusammenhangs erzählerisch wirken. Auch hier geht es darum, inwieweit die Leerstellen, die dort entstehen, während des Sehens an der Produktion der Bilder in unserer Vorstellung beteilig sind.

 

 

 
www.gabrielaw.ch
www.anja-ganster.com